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Realität? Zwischen Sehen und Fotografieren

Wenn Menschen über Naturfotos urteilen, höre und lese ich immer wieder mal Kommentare, die in eine Richtung gehen: „Das ist ja unrealistisch und hat so mit bloßem Auge sicher nicht ausgesehen“.

 

Zum Beispiel fiel mir neulich ein Reel auf, in dem sich eine Influencerin über die vielen rot-grünen Nordlicht-Bilder aus Deutschland lustig machte, die in den sozialen Medien kursierten. Das habe schließlich mit dem bloßen Auge alles anders ausgesehen. Fazit war, dass die Bilder irgendwie „fake“ seien.

 

Mmh, "mit dem bloßen Auge nicht so ausgesehen" - da war schon was dran. Aber sie als "fake" zu bezeichnen, damit habe ich Bauchschmerzen. Auch wenn bei Fotos zum Beispiel Eigenschaften wie der Weißabgleich beurteilt werden, liest man das immer wieder.

 

In meinem heutigen Artikel möchte ich ein paar Gedanken dazu teilen. Zielgruppe sind also durchaus auch Menschen, die mit Fotografie und Aufnahmetechniken weniger Erfahrung haben, sich aber gerne Naturbilder anschauen.

3 Paar Schuh

Um es gleich auf den Punkt zu bringen. „Schuld“ an solchen subjektiven Eindrücken wie in dem Reel ist in meinen Augen meist mindestens einer dieser drei Gründe:

 

Erstens: das Bild wurde übermäßig bearbeitet, also der Charakter des Bildes entstand überwiegend am Computer. Das kommt vor, und zwar nicht selten. Wo in diesem Punkt jedoch die Fotografie aufhört und die Grafikbearbeitung beginnt, das ist für Laien schwierig einzuschätzen. 

 

Zweitens: der Betrachter akzeptiert nur Motive, Farben, Formen, Wetterphänomene und Eindrücke, die er selbst schon gesehen hat und/oder für realistisch hält. Einige Fotografen haben sich hierbei stark der (eigentlich auch subjektiven) "Dokumentation“ verschrieben, was auch ok ist - hier sollte nur abgebildet werden, was mit dem menschlichen Auge sichtbar. Das kommt -so dogmatisch- nach meiner Erfahrung immer seltener vor.

 

Drittens, das Bild entstand mit Equipment und vor allem Aufnahmetechniken, die dem Betrachter teilweise oder in Gänze unbekannt sind. Dieser hat sich nie tiefergehend mit optischen oder elektronischen Effekten von Objektiven oder Kameras auseinander gesetzt.

 

Genau Letzteres spielt eine ganz entscheidende Rolle und liegt deshalb auch im Fokus des Artikels. Auch im Beispiel des genannten Reels lagen die Kommentare klar an diesem 3.Punkt. Schließlich wurden betreffende Beispiele gezeigt und auf deren Basis kann ich feststellen, die Betrachterin hat eine Sache verwechselt: 

 

Fotografieren heißt nicht Sehen! Nur weil man Perspektiven, Unschärfen, Farben, Strukturen oder Helligkeiten nicht nachvollziehen kann, muss das Bild noch lange nicht am Computer entstanden sein.

Machen wir es konkret

Das möchte ich gern praxisnah erklären. Einmal mache ich es im Detail und danach für 6 weitere Beispiele kurz und knapp. Dazu zeige ich euch erstmal ein wirklich wunderschönes Bild 😅

Das ist natürlich ein dokumentarisches Bild. Es zeigt den mittlerweile begrünten Randstreifen eines stillgelegten Parkplatzes aus feinem Kies, auf dem ein gut getarnter „Flussregenpfeifer“ sitzt (s.Mitte). Hier hatte ich ein "Supertele" eher als Fernglas benutzt und das Bild bei meinem ersten Besuch dieser Stelle aufgenommen, um ein erstes Gefühl für die Situation zu bekommen.

 

So ungefähr hat man die Szene mit dem menschlichen Auge gesehen, natürlich bis auf die Unschärfe im Vorder- und Hintergrund - aber zumindest in Sachen Helligkeit, Farben, Strukturen und Habitat.

 

Ich fand es toll, zu diesem Zeitpunkt zum ersten Mal einen „Fluppi“, wie sie auch gerne genannt werden, beobachten zu können. Allerdings fand ich weder das Habitat noch die Farben wirklich schön. Trotzdem habe ich fotografische Lösungen gefunden, wie man die Szene aus meiner Sicht fotogen darstellen kann. 

  1. Ich entschied mich für eine Highkey Umsetzung, da nur so das grau-grüne Umfeld einen schönen Farbton erhält, in diesem Fall Pastell-grün
  2. Folglich bin ich an einem anderen Tag wieder gekommen, als das Licht eine solch helle Aufnahme zuließ  - das klappt nicht, sobald auch nur ein Hauch von Licht auf den Vogel fällt, gerade wegen des weißen Gefieders, hier müssen Tageszeit und Bewölkungsgrad stimmen
  3. Um das Habitat aufzulösen, musste ich neben dem Einsatz einer großen/lichtstarken Brennweite viel tiefer gehen als es jede bodennahe Lösung von Stativen und Köpfen erlaubt. Ich habe sogar die Stativschelle hochklappen müssen und schließlich fast schon im Kies eingegraben fotografiert, nur so bekam ich diesen „dreamy“ freigestellten Look. Damit die Ausrüstung dabei nicht endlos vekratzt, habe ich mir aus einer Mülltüte einen Bodenschutz gebaut
  4. Der Rest ist easy – Offenblende, helle Belichtung/kurz vor Histogramm-Ende und fertig. Ach und natürlich noch die gefühlt 200 Versuche, bis er mal ruhig und perfekt stand. 

So sah das Bild dann am Ende aus: 

Abstrahiert betrachtet entstand die Szene also mit der Kombination von Aufnahmetechniken, plus dem richtigen Wetter plus einem performanten Objektiv mit einem guten „Bokeh“. Die sogenannte "Freistellung" und völlige Unschärfe des Hintergrundes resultiert aus der genauen Perspektive, der Brennweite und dem Verhältnis der Entfernung zwischen Fotograf, Motiv und Hintergrund.

 

Die Szene kann man nun gut oder schlecht finden, doch am Computer ist sie eben nicht entstanden❗Die beiden Fotos sind nebenbei mit exakt der gleichen Ausrüstung entstanden.

 

Nun prüfen wir hier nochmal die Aussage: ist das „so wie man es mit dem menschlichen Auge sieht“ – um Himmels Willen NEIN!
Die erste, „hässliche“ Variante kommt deutlich näher an die Realität. Ist das Bild also „fake“? Ebenfalls ein deutliches NEIN –

Es ist einfach mit einem Handwerk entstanden, das sich Fotografie nennt, ohne Filter und Photoshop.

6 weitere typische Beispiele

Für solche Aufnahmen, wo das finale Bild deutlich vom Sichtbaren abweicht, benötigt man auch kein Superteleobjektiv. Deshalb schauen wir uns ein paar weitere Beispiele an, wo der Bildeindruck schnell mal auf Photoshop geschoben wird, die Lösung jedoch in der Fotografie liegt.

Leuchteten die Nordlichter der Lofoten exakt so intensiv grün? War der Himmel leicht bläulich? Zweimal Nein. Und dennoch ist auch dieses Bild nicht am Computer entstanden.

 

Die Erklärung: ein Kamerasensor kann durch lange Belichtungszeiten und hohe ISO-Werte mehr Photonen sammeln. Das menschliche Auge hingegen nutzt bei Dunkelheit überwiegend „Stäbchenzellen“, die sehr lichtempfindlich sind, aber Farbunterschiede in der Dunkelheit kaum wahrnehmen kann. So heben sich mit einem Kamerasensor zum Beispiel Nordlichter und Sterne klar hervor. Zudem hatte ich vor Ort einen sehr kühlen Weißabgleich eingestellt, was das grün nochmal betont und den Himmel bläulich wirken lässt.

Habe ich mit meinem bloßen Auge diese schönen „Bokeh-Bällchen“ gesehen? Nope. Solche Kreise  entstehen, weil unscharfe Lichtpunkte als Abbild der Blendenöffnung auf dem Sensor landen, statt als Punkt fokussiert zu werden... Ihre genaue Form wird v.a. durch Blende und Objektivfehler bestimmt – aber nicht durch die installierte Bearbeitungssoftware 😉

Malerisches Wasser an Wasserfällen sind ebenfalls ein häufiger „Photoshop-Verdachtsmoment“ 😉 Auch das sieht das menschliche Auge nicht, das kann nur die Langzeitbelichtung: Bei einer „LZB“ werden viele zeitlich versetzte Bildinformationen übereinander aufgezeichnet. Bewegungen und Lichtverläufe verschmelzen dadurch zu weichen Strukturen, ähnlich wie bei Pinselstrichen in der Malerei.

Sehe ich mit dem bloßen Auge die Eiskristalle auf einem winterlichen Blatt? Nicht wirklich, nicht mal mit meiner neuen Lesebrille 😅 Aber mit einem Spezialobjektiv (Makro) kann man das und wenn man dann noch die Kamera entsprechend bedient sind am Ende solche Szenen möglich.

Auch hier ist keine Grafik-Bearbeitung im Spiel und doch nehme ich die Welle vor Ort mit dem Auge anders wahr. Sogenannte „ICM-Aufnahmen“ (Intentional Camera Movement) entstehen, wenn die Kamera während einer langen Belichtungszeit bewusst bewegt wird.

 

Dadurch werden Motive zu Linien, Flächen und Farbverläufen verwischt, was abstrakt wirkt und dem Bild einen malerisch-künstlerischen Charakter gibt. Die Herausforderung ist es „nur“, die exakt passende Belichtung zu wählen und das Objektiv in der richtigen Geschwindigkeit zu bewegen.

Und auch solche Szenen entstehen nicht am PC – hier kombiniert man sehr kurze Verschlusszeiten mit einer Art Lowkey-Aufnahmetechnik und dann sieht es am Ende in Kombination mit einem dunklen Hintergrund (hier ein Grashügel im Gegenlicht) so aus.  Die Anmutung dieser 3200stel Sekunde hätte ich mit dem bloßen Auge nie wahrgenommen.


Dabei möchte ich es auch belassen, obwohl man hier noch 50 weitere Aspekte und Techniken beleuchten könnte. Ich denke das Fazit ist nun schnell auf den Punkt gebracht: 

 

Eine der größten Stärken und Faszinationen der Fotografie ist gerade die Möglichkeit, Dinge abzubilden, die das menschliche Auge nicht sehen kann.  Darum geht es auch vielen Fotografen in der Natur- und Landschaftsfotografie.

 

Mein Wunsch als Naturfotograf wäre es, dass Betrachter bei Ansicht nicht voreilig urteilen und zumindest die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass für Laien unrealistisch wirkende Eindrücke durchaus rein fotografisch gelöst sein können und nicht per Bildbearbeitung.


Denn auch wenn solche Eindrücke nicht den eigenen (vielleicht dokumentarischen) Geschmack treffen sollten - am Ende sind sie häufig mit sehr viel Aufwand und Handwerk erstellt und verdienen eine differenzierte Beurteilung.

 

 Das war`s schon für heute – ich bedanke mich für euer Interesse & sende
viele Grüße, 
Thomas

 PS: Ich hoffe, ihr verzeiht mir das kleine Clickbaiting mit dem KI-ergänzten Vorschaubild dieses Artikels – ja, das ist wirklich fake 😅