Die Sache mit Photoshop...

Nicht selten wird man als Naturfotograf mit bestimmten Fragen oder Bemerkungen konfrontiert, die in etwa in folgendem Zitat münden: „Die Bilder sind ja echt toll, aber die sind schon bearbeitet, oder? Die sind so schön bunt. Photoshop, oder?". Dann heißt es für mich erstmal ganz tief durchatmen. Aber woher soll der Laie es auch besser wissen? Daher möchte ich an dieser Stelle gerne die Dinge erklären:

Man kann (Natur-) Fotografen in puncto Bildbearbeitung pauschal in zwei Gruppen unterteilen. Diejenigen, die das Thema Bildbearbeitung eher locker nehmen oder sich als Künstler, Visual Artist oder Grafiker verstehen. Für sie zählt das Endergebnis und das Hinzufügen, Entfernen oder Verändern von Bildelementen sind erlaubt. Da wird hier etwas Unerwünschtes "weggestempelt“ oder dort der Himmel selektiv eingefärbt und an anderer Stelle dunkle Bereiche partiell aufgehellt usw. Innerhalb dieser Gruppe gibt es aber auch große Unterschiede. Von der kleinen Retusche bis hin zur Kreativstudio-Bearbeitung ist alles vertreten.

Dann gibt es die zweite Gruppe von Fotografen, die nicht derart in die Bilddatei eingreifen. Aus den verschiedensten Gründen. Zum Beispiel, weil sie ab und zu an internationalen Naturfoto-Wettbewerben teilnehmen möchten, bei denen solche Eingriffe in die Bilddatei als Manipulation gewertet werden und das Bild disqualifiziert wird.
Doch nun kommt der springende Punkt: "Bearbeiten" müssen auch diese Fotografen das Bild. Im Sinne einer Entwicklung. Ähnlich wie man das früher mit einem Negativfilm machen musste. Denn das "Raw"-Format, in dem fortgeschrittene Fotografen ihre Bilder speichern, ist gar kein Bildformat, sondern praktisch ein "digitales Negativ", so wie man es von früher von einem "36er Film" kennt. Insofern macht nämlich die Frage "Sind die Bilder bearbeitet?" bei einem Fotografen, der im RAW-Format fotografiert, wenig Sinn. Wenn die "Bilder" nicht bearbeitet wären, wären sie noch keine Bilder.

Ich gehöre zur "zweiten Gruppe", wobei ich unbedingt anmerken möchte, dass die "erste Gruppe" genauso zu respektieren ist. Unter ihnen sind ebenso viele gute Fotografen, sie setzen sich in der Bildbearbeitung nur weniger Restriktionen aus. Zum einen sehe ich jedoch meine Stärke nicht in der Bildbearbeitung und arbeite nie mit Photoshop. Zum anderen kommt bei mir dieses ungute Gefühl auf, wenn ich es nicht geschafft habe bestimmte Bildelemente vor Ort zu vermeiden oder zu produzieren und das später per Mauszeiger erledigen müsste. Daher fühle ich mich in der zweiten Gruppe wohler.

Übrigens, auch Farbfilter werden nicht benutzt. Ich nutze ausschließlich Filter, die lediglich die Belichtungszeit verlängern („Graufilter“), den Himmel abdunkeln können („Grauverlaufsfilter“) oder Reflektionen reduzieren („Polarisationsfilter“). All diese Filter sind neutral grau, sodass die Farbwiedergabe nicht verfälscht wird. Daher auch ihr Name: „Neutral Density Filter“ („Neutraldichtefilter"). Das sind keine Software-Filter wie sie mein Smartphone für Selfies anbietet, sondern physische Filter in Form von Glasscheiben, die während der Aufnahme vor das Objektiv gesetzt werden.

Warum muss ich nun tief durchatmen, wenn ich die Frage nach Photoshop beantworten muss? Weil man, und das gilt auch für viele ambitionierte Fotografen der ersten Gruppe, sehr viel Aufwand und Akribie investieren muss, um überhaupt regelmäßig farbintensive Momente einzufangen. Ich möchte im Folgenden einen Blick hinter die Kulissen werfen und die Top-5-Gründe erläutern, warum die meisten Menschen sich zum Beispiel über rosarote Sonnenaufgänge, leuchtende Eisberge, malerisches Wasser oder gelbe Hintergründe wundern...

1. Farbintensität: der Schein trügt

Die meisten Tablets, Monitore, Smartphones, LED-Fernseher etc., auf denen sich Menschen Bilder anschauen, sind nicht „kalibriert“. Zu 99% sieht man also nicht die „echten Farben“, sondern völlig übersättigte Farben und Kontraste. Macht ja für den Normalanwender auch irgendwie Sinn - wer möchte nicht, dass die schönen Urlaubsfotos, die mit einfachen Mitteln fotografiert wurden, ein satten blauen Himmel und saftige grüne Wiesen zeigen?
Hat jedoch die Ursprungsdatei bereits eine tolle Sättigung, wird sie nun völlig überzogen dargestellt. Nicht umsonst werden ebenfalls 99% aller Bilder, die ein "normaler Urlauber" in den Druck gibt (z.B. für ein Fotobuch bei CEWE oder Ähnliches) nochmal bei den entsprechenden Anbietern „optimiert“. Dahinter steckt nichts anderes als eine starke Bearbeitung. Die überwiegende Anzahl der „Photoshop-Anfragen“ würde somit ohnehin schon wegfallen, wenn es in den Nicht-Fotografen-Haushalten Displays gebe, die die Farben darstellen, wie sie wirklich sind.

2. Farbexplosionen: dem Zufall auf die Sprünge helfen

Intensive Farben entstehen häufig in intensiven Situationen, die nicht alltäglich sind. Wenn hinter einem kräftig blau gefärbten Eisberg Photoshop vermutet wird, liegt das häufig daran, dass viele Menschen nur das glauben, was sie selbst schon einmal gesehen haben. Das gilt auch für Himmelsfärbungen bei Sonnenaufgängen und viele weitere Ereignisse in der Natur. Sie sind doch so selten, wieso ist dann jedes zweite Bild aus den hier gezeigten Bilderserien so bunt? Nun ja, dem Zufall kann man schließlich auch auf die Sprünge helfen.

Nehmen mir beispielsweise einen schönen Mallorcaurlaub im Sommer: wer stellt da schon seinen Wecker auf 4.15 Uhr, um gegen 5.45 Uhr im Naturschutzgebiet „Albufeira" die wenigen, potenziell farbintensiven Minuten bei Sonnenaufgang zu erleben? Naturfotografen tun dies. Und zwar in einem 14-tägigen Urlaub 14 Mal. Für den Abend gilt das Gleiche: um 21.00 Uhr steigt man nochmal ins Auto, um gegen 22.00 Uhr den Sonnenuntergang , etwa am „Cap Formentor", einzufangen. Das sind dann summa summarum 28 Sonnenauf- und -untergänge in zwei Wochen. Ungefähr 23 Mal zeigt sich dann ein schöner, aber nicht gerade spektakulärer Himmel, so wie „man ihn kennt“. Diese Bilder bekommt man dann häufig gar nicht erst zu sehen. Farbintensive Momente erlebt man also vielleicht eine Hand voll, und dann sieht der Himmel auch „nach Photoshop aus“, zumindest wenn man noch die nachfolgenden 3 Punkte anwendet. Diesen Aufwand gilt es schon mal zu berücksichtigen. Und auch die Tatsache, dass die Bilder von hochwertigen Bilderserien nur selten einen repräsentativen Eindruck der Reiseerlebnisse zeigen, sondern nur eine nach bestimmten Kriterien getroffene Selektion.

3. Das menschliche Auge kann nicht zoomen

Bei Betrachtung der nachfolgenden Szenen meinen viele, dies sei unrealistisch, da ein natürlicher Himmel doch einen Farbverlauf hätte. Das stimmt auch in Teilen. Fast immer hat der Himmel einen bestimmten Farbverlauf, nur setzt das voraus, dass man auch den ganzen Himmel sieht, so wie es das menschliche Auge nur tun kann. In der Fotografie kann ich aber auch Ausschnitte durch Telebrennweiten „heranzoomen“. Wenn ich das bei den vorliegenden Bildern tue, ist vom Farbverlauf nichts mehr zu sehen und ich habe einen fast einfarbigen intensiv gefärbten Hintergrund, ohne irgendwelche Himmelsfarben gefälscht zu haben.

4. Belichtungszeit: die vierte Dimension

Nun folgt das wichtigste Kapitel: dem menschlichen Auge fehlt nicht nur die Fähigkeit zu zoomen, sondern auch die Fähigkeit, die Dimension von Langzeitbelichtungen wahrzunehmen. Auch Filme können dies nicht. Das ist ein Punkt, der mich an der Fotografie fasziniert und den ich als Stilmittel immer wieder einsetze, auch wenn das nicht jedermanns Geschmack ist. In Bezug auf die nachfolgenden Bilder hört man zum Beispiel „das sieht ja aus wie gemalt, das ist bearbeitet, oder?“. Nein, ist es in keinster Weise. Es wurde nur länger belichtet, wobei sich für den malerischen Effekt nur bestimmte Belichtungszeiten eignen, die von der Fließgeschwindigkeit des Wassers abhängig sind. Solche Aufnahmen funktionieren ausschließlich mit Stativ. Daher fotografiere ich auch ausschließlich mit Stativ.

Das gleiche gilt übrigens auch für Fotos der Milchstraße: mit bloßem Auge kann man diese nicht in der Intensität erkennen. Bei einer 20-sekündigen Belichtung kommen aber auch die ganz schwach strahlenden Sterne zum Vorschein, ganz ohne Photoshop. Übrigens, bei Polarlichtern und den leuchtenden Eisbergen meiner Islandserie greift genau der gleiche Effekt - hier sieht die Kamera mehr als das menschliche Auge, ganz ohne Zutun von Bildbearbeitung.

Last but not least: selbst bei der Art der Farben kann man durch eine lange Belichtung tolle Effekte hervorrufen. Bei den nachfolgenden Bildern etwa befanden sich die Motive vollständig im Schatten, diesen kann man bei solch kleinen Motiven ja einfach durch den eigenen Körper erzeugen. Lediglich der Hintergrund ist von der Sonne angeleuchtet. Um das kleine Motiv im Bild nun auf eine „normale Helligkeit“ zu bringen, muss man außergewöhnlich lange belichten. Dabei ändert bzw. erhellt sich automatisch auch die Farbe des Hintergrundes: aus einer normal grünen Wiese wird ein ganz helles Pastell-grün und aus einer dunklen orange/braunen Laubdecke werden hell-orange, fast gelbe Töne. Diesen Effekt nutzt man bei vielen Tieraufnahmen, um diese schönen Hintergrundfarben zu erzeugen. Auch hier, ganz ohne Photoshop, nur mit Licht und Schatten.

5. Farben fangen bei der Planung an

Ein großer Aufwandstreiber, der die oben genannten Situationen/Wetterlagen und einhergehenden Farben begünstigt: Fortgeschrittene Naturfotografen planen Reisen extrem genau – hier am Beispiel der Landschaftsfotografie: die genaue  Zeitpunkt der Reise ist von der Kombination zwischen dem Sonnenstand, dem Mondstand und dem Tidenstand abhängig. Dazu nutzt man z.B. die App „The Photographers Ephemeris“, die auf einen in der Landkarte ausgewählten Punkt hin genau den Einfallswinkel der Morgen- bzw. der Abendsonne berechnen kann. Daraus kann man ableiten, ob dort überhaupt direktes Sonnenlicht ankommt und ob sich der Spot eher morgens oder abends eignet. Für starke Farben und intensives Licht müssen die Sonnenstrahlen möglichst barrierefrei auf das Motiv fallen können.
Außerdem muss man das Ganze dann noch mit den Gezeitenständen abgleichen, etwa auf www.tide-forecast.com. Wenn ich beispielsweise in Asturien "Tidenpools" bei Ebbe fotografieren will, nutzt es mir wenig, wenn während meines Reisezeitraums nur bei hartem Mittagslicht Ebbe herrscht.
Möchte man auch noch nachts die Milchstraße fotografieren, ist es etwa ungünstig, wenn der Reisezeitraum auf den Vollmond fällt, da der Himmel dann zu hell ist.

Und schließlich gilt es noch organisatorische/logistische Dinge zu berücksichtigen, wenn ich in den farbintensiven Momenten vor Ort sein möchte: Anfahrten, Heimfahrten und Wanderungen zum Spot geschehen zum Beispiel meist im Stockdunkeln, das setzt eine sehr genaue Vorbereitung sowie Wartung der Ausrüstung (Stirnlampen etc.) voraus.
Und im Dunkeln ist wirklich vieles ganz anders. Z.B. bei der Anreise mit dem Auto. Solche Naturbilder entstehen ja häufig nicht dort, wo man gut ausgebaute und beleuchtete Parkplätze und Wege hat. Wer mal versucht hat, an einer unbekannten Stelle auf Island oder den Lofoten bei reichlich Neuschnee in der Nacht einen Parkplatz zu finden, der weiß wovon ich rede ;-)

Und zu guter Letzt, eine normale Hotel-Logistik kann man ohnehin vergessen: zu Frühstückszeiten wird fotografiert und zum Abendessen ebenfalls. Will man farbintensive Momente einfangen, muss man beinahe die gesamte Reise darauf abstimmen.


Fazit

Wer nun tapfer durchgehalten hat und den -nur in Teilen skizzierten- Aufwand für „bunte Bilder“ nachvollzogen hat, der kann jetzt vielleicht verstehen, warum der ein oder andere Fotograf bei der Ursprungsfrage „Photoshop, oder?“ erstmal gaaaaaanz tief durchatmen muss. Aaaaaber ICH muss ja gar nicht mehr antworten, sondern verschicke künftig einfach nur noch diesen Link ;-)

Mit besten Grüßen,

Thomas